94: ALBUM AMICORUM – STAMMBUCH des Apothekers und Botanikers Jacob Christian Traber

aus Harburg in Schwaben. Mit ca. 50 Einträgen aus Augsburg, Bern, Biberach, Coburg, Genf, Kitzingen, Stockheim, Straßburg, Würzburg und anderen Orten. Dat. 1774-94 (und spätere Nachträge). Qu.-8º. Mit 4 tls. ganzseit. Miniaturen in Gouache, Wappenminiatur, aquarellierter Rahmenbordüre, einzelnen gezeichneten Rahmen und kleiner Federzeichnung in roter Tinte. 63 Bl. (und einige weiße). Läd. Ldr. d. Zt. (166)
Schätzpreis: 1.000,- €
Ergebnis: 900,- €


Mit Eintrag von J. S. Bachs Großneffen. – Von dem Eigner dieses Stammbuchs ist nicht viel bekannt geworden. Der hübsch gerahmte lateinische Titel "Patronis quam plurimum venerandis…", mit dem Traber seinen Bekannten- und Freundeskreis zum Eintrag einlädt, nennt seinen Namen und Herkunftsort, Harburg (in Schwaben). Den Einträgen zufolge muß Traber um 1780 in Straßburg studiert haben. Nach Abschluß dieser Studien und wohl auch einiger Reisen im südwestdeutschen Raum und der Schweiz hat er sich dann in der Nähe von Gerolzhofen bei Schweinfurt als Apotheker niedergelassen und ist dort wohl auch geblieben. Das "Botanische Taschenbuch für die Anfänger dieser Wissenschaft und der Apothekerkunst", Jahrgang 1792, führt Traber jedenfalls als "Apotheker in Obereisensheim" (Seite 3), und die "Allgemeine Literatur-Zeitung" erwähnt ihn 1794 unter den Ehrenmitgliedern der Regensburgischen Botanischen Gesellschaft (Nr. 135, Intelligenzblatt vom 29. November 1794, Sp. 1090). Interessant und für Stammbücher eigentlich unüblich ist, daß Traber gegen Ende des Bandes acht bis dahin leere Seiten für Einträge von familiären Ereignissen genutzt hat; den letzten dieser Einträge hat er auch unterschrieben. Aus ihm geht hervor, daß Traber 1785 geheiratet hat, seine Frau aber bereits 1795 gestorben ist. Er hatte mit ihr neun Kinder, sechs Jungen und drei Mädchen, der erste Sohn kam im August 1786 zur Welt. Nur drei der Kinder hatten bis 1795 überlebt. Ab 1807 folgen im Anschluß weitere Einträge von anderer Hand (eine Familie Anschütz), die bis 1814 reichen, was vermuten läßt, daß Traber zu diesem Zeitpunkt bereits verstorben war.

Der bedeutendste Eintrag des Album ist jener des Großneffen von Johann Sebastian Bach: Am 10. September 1774 hat sich der dritte Sohn von Johann Elias Bach (1705-1755), dem Neffen und häufigen Korrespondenzpartner Johann Sebastian Bachs, in das Album eingetragen. Sein Name ist Simon Friedrich Bach, der Ortszusatz lautet "von Schweinfurth". Simon Friedrich wurde 1755, im Todesjahr seines Vaters, der Kantor und Komponist in Schweinfurt gewesen ist, ebenda geboren und starb auch in Schweinfurt im Jahr 1799. Seinen Eintrag, einen der ersten im Album, hat Simon Friedrich Bach demnach im Alter von 19 Jahren angefertigt und ihn mit einer einfach gezeichneten Bordüre gerahmt, in der mehrfach seine Initialen erscheinen. Sein Widmungsgedicht, dessen Text wir nicht nachweisen können, klingt wie die spöttische Parodie auf ein Kirchenlied: "Dem Himmel schenck ich mein Gemüthe, / Und meinen jungen Leib der Welt, / Des Tages denck an seine Güte, / Des Nachts an die so mir gefällt, / So kan ich ohne Heüchel Schein, / Halb Weltlich, und Halb geistlich seyn." Der frühe Eintrag läßt vermuten, daß Traber und Bach schon in der Jugendzeit befreundet gewesen sind.

Besonders erwähnenswert ist weiterhin der Eintrag des Botanikers und Naturforschers Karl Christian Gmelin (1762-1837), der während seines Straßburger Medizinstudiums im September 1781 erfolgt ist. Gmelin hat auch eine Zeichnung beigesteuert, eine Flußlandschaft mit Brücke und Anglern. Weiterhin findet sich ein Eintrag des Botanikers Johann Samuel Vulpius (1760-1846), datiert Genf 1783, sowie des Hanauer Hofapothekers Philipp Gottfried Gaertner (1754-1825), Autors der "Oekonomisch-technischen Flora der Wetterau". Vulpius und Gärtner waren befreundet und führten gemeinsame Studien durch.

Was die Miniaturen des Albums anlangt, ist davon auszugehen, daß mehrere von ihnen im Laufe der Zeit entfernt worden sind und das Album einst wesentlich reicher ausgestattet war. Aber auch die verbliebenen Darstellungen sind teils sehr interessant und dekorativ. Ein G. D. Altenberger, laut eines nur teilweilse erstellten Indexes am Ende ein Accoucheur in Kitzingen, hat sich im September 1776 eingetragen. Gegegenüber findet sich, vielleicht von seiner Hand geschaffen, eine prächtige Anatomieszene in einem Rokoko-Interieur, bei der fünf Mediziner über einen am Bauch geöffneten Leichnam beraten. Weitere Miniaturen zeigen ein Segelschiff und ein Quodlibet, unter anderem mit einem Falter, einem Notenblatt, einer Spielkarte und der Darstellung eines Pfarrhauses, alles zusammen auf einem Antiphonarblatt liegend. Ferner hat ein Premierlieutenant Johann Löhr eine Flußlandschaft mit einer Allegorie des Krieges in das Album gemalt. – Unter den hier unerwähnten Einträgen lassen sich noch viele namhaftere Persönlichkeiten, meist aus dem süddeutschen Raum, identifizieren, darunter Angehörige der Familien Klett aus Lengfurt, Stecher aus Biberach, Stüber aus Eßlingen und Martienssen aus Mecklenburg.

Die Blätter alt numeriert, einzelne in der Folge fehlend. – Vorderer Vorsatz mit Nachlaßvermerk Ruth Schreiber, Eßlingen 1967, in Kugelschreiber, einzelne Bl. lose; gebräunt und fleckig, Gebrauchsspuren. – Beiliegend, zur Geschichte des Albums gehörend, eine in Rot gedruckte Ansicht von Kitzingen, ein Kupferstich von Zang in der erneuerten Fassung von Schmid, datiert 1770, sowie eine Visitenkarte der früheren Besitzerin Schreiber aus Eßlingen.

Album amicorum of the pharmacist and botanist Jacob Christian Traber from Harburg in Swabia. With ca. 50 entries from Augsburg, Bern, Biberach, Coburg, Geneva, Kitzingen, Stockheim, Strasbourg, Würzburg and other places, among them an entry by Johann Sebastian Bach’s great-nephew. Dated 1774-94 (and later entries). Oblong octavo. With 4 partly full-page miniatures in gouache, armorial miniature, ornamental border painted in watercolours, some frames individually drawn and a small pen and ink drawing in red ink. 63 leaves (and some blank ones). Contemporary damaged calf. – The leaves numbered in former times, some missing in the series. – Upper endpaper with inheritance note Ruth Schreiber, Eßlingen 1967, in ballpoint pen, some leaves loose; browned and soiled, signs of wear. – Enclosed, belonging to the history of the album, a view of Kitzingen printed in red, a copper engraving by Zang in the renewed version of Schmid, dated 1770, as well as a business card of the previous owner Schreiber from Eßlingen.