74: MÜNCHEN – "ALLOTRIA".

Deutsche Handschrift auf Papier Dat. München, 1949-58. Ca. 36 x 31 cm. Mit farb. illustriertem Titel und zus. ca. 40 meist farb. Zeichnungen, Aquarellen und Gouachen (davon 15 montiert), mont. Holzschnitt, mont. Radierung, 3 mont. Eintrittskarten, mont. Brief und einigen mont. kalligraphierten Gedichten (tls. Doppelblätter). 166 Bl. (davon am Ende ca. 100 weiße). Hlwd. d. Zt. (Gelenk angebrochen, Kanten beschabt, etw. bestoßen). (32)
Schätzpreis: 5.000,- €


Die 1873 von Franz von Lenbach und Lorenz Gedon gegründete Münchner Künstlergesellschaft Allotria entstand durch eine Abspaltung von etwa 50 Künstlern von der Münchner Künstlergenossenschaft und ist die erste Sezessionsgruppierung in Deutschland. Zu ihren bekanntesten Vertretern gehören neben den beiden Genannten Lovis Corinth, Wilhelm Diez, Otto Frölicher, Friedrich August von Kaulbach, Hans Makart, die Brüder Emanuel und Gabriel von Seidl und Franz von Stuck. Das Künstlerhaus der Allotria am Lenbachplatz, das bis heute dem Verein als Sitz dient, wurde im Jahre 1900 eingeweiht.

Unser Band fungiert mit seinen meist humorvoll gereimten und oft kalligraphierten Wortbeiträgen gleichsam als Chronik und legt damit ein beredtes und wertvolles Zeugnis für die Aktivitäten der Allotria nach dem Zweiten Weltkrieg ab. Obwohl der Stammsitz der Vereinigung 1944 von einer Bombe getroffen und noch nicht wieder aufgebaut war, fand doch wieder ein lebhaftes Vereinsleben einschließlich Faschingsfesten und Nikolausfeiern statt. Doch gerade zu Beginn tritt das Trauma des Zweiten Weltkriegs in den Blättern immer wieder zutage. Auch wird die Suche nach einem "Dach über dem Kopf" in einigen der humorvollen und zumeist gereimten Wortbeiträge thematisiert. Das Künstlerhaus konnte erst 1961 wieder eingeweiht werden.

Zum anderen lieferten die Mitglieder künstlerische Beiträge, oft als karikaturhafte Illustrationen zu launigen Texten, oft aber auch als eigenständige Werke. Hier wird nicht selten die Kunst und das Künstlertum selbst zum Thema. – Zu nennen sind etwa zwei Zeichnungen von Eugen Osswald (1879-1960), vier Arbeiten von Hans Stadelmann (1876-1950), drei Beiträge von August Lüdecke-Cleve (1868-1957), ein Aquarell von Julius Mermagen (1874-1954), außerdem eine Druckgraphik und ein Beitrag von Gerhard Winkler (1906-1983) sowie mehrere von Karl Maria Lechner (1890-1974) gestaltete Seiten, zwei Gouachen und ein Aquarell von Max Rimboeck (1890-1956) und mehrere Beiträge von Wilhelm Heiden und Rudolf Ritter von Kramer. Ebenso enthalten sind ein Brief und eine Gouache von Otto Pippel (1878-1960), der zwar kein Mitglied der Allotria war, seine Anwesenheit bei einem der Treffen hier dennoch verewigt hat. – Leicht gebräunt und minimal fleckig. – Beiliegen einige lose Blätter, wohl aus der Allotria-Kneipzeitung.