415: EINBLATTDRUCKE – FRÜHDRUCKE – "ORA P[RO] NOBIS S[ANC]TE CHRISTOFORE."

Einblattdruck (altkolor. Holzschnitt auf Papier). Wohl Südwestdeutschland, zweites Drittel des 15. Jhts. Blattgr.: 22,9 x 16 cm. (188)
Schätzpreis: 6.500,- €


Aus der Anfangszeit der Druckgraphik. – Unbekannte Variante eines der bedeutendsten, in zwei Abdrucken erhaltenen Zeugnisses aus der Frühzeit des Holzschnitts, katalogisiert von Schreiber unter der Nummer 1355. Dieses im Besitz des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg und im Louvre befindliche Blatt wird als "Süddeutsch, um 1420-1430" lokalisiert und datiert (siehe: Parshall/Schoch, Die Anfänge der europäischen Druckgraphik, Nürnberg 2005, Nr. 37). In der vorliegenden Variante, die im kompositionellen Aufbau weitgehend mit diesem Holzschnitt übereinstimmt, zeigen sich jedoch auffällige Vergröberungen und Abweichungen, die eindeutig darauf hinweisen, daß es sich hier nur um eine vereinfachte, ins Schematische gewendete Wiederholung dieses Bildmotivs handeln kann. Die Schematisierung wird vor allem anhand des Gesichts des Heiligen erkennbar, das nur noch aus wenigen Strichen aufgebaut ist. Die im Vorbild gut erkennbaren zerklüfteten, vom Wasser umspülten Felsen des Vordergrunds sind auf unserem Blatt nahezu amorph und unartikuliert und bloß durch die Kolorierung als Land vom Wasser zu unterscheiden. Aus dem ist zu folgern, daß es sich bei unsererm Blatt um eine Nachahmung des schönen und in der Zeit wohl recht populären Christophorus-Holzschnitts durch einen minder begabten Meister und/oder eine provinzielle Werkstatt handeln dürfte, vielleicht eine Art "wohlfeile" Ausgabe für die weite Verbreitung in weniger wohlhabenen Bevölkerungsschichten zu Andachtszwecken und zur Verehrung des im späten Mittelalter überall sehr beliebten Heiligen. Schließlich kam es bei solchen Blättern weniger auf die künstlerische Qualität denn auf die innewohnende religiöse Bedeutung an, also in erster Linie die Möglichkeit zu Andacht und Gebet. Die Spuren solcher Verehrung sind an unserem Blatt deutlich abzulesen, sind doch große Teile des Christuskindes ausgebrochen, nämlich schlicht weggerieben, da man sich durch dieses Bereiben gewöhnlich den göttlichen Beistand und Segen für Weg und Wanderung erhoffte.

Das Papier mit großem, nur in Teilen erschließbaren Wasserzeichen (gewundene Schnur mit Quaste um einen Stab, darüber weiterer Aufbau, oben von einem Dreieck überfangen). Derartige Motive finden sich in Papieren des 15. Jahrhunderts recht häufig. – Im Bereich des Christuskindes mehrere Durchbrüche mit größeren Fehlstellen, ebenso am unteren Rand, das ganze Bl. mit einigen Knickspuren und mehreren kleinen Rissen, meist von alter Hand sorgsam restauriert, stärker gebräunt und fleckig.

Broadsheet (woodcut on paper in contemporary hand colouring). Probably South West Germany, second quarter of the 15th century. Leaf size: 22,9 x 16 cm. – Unknown variant of one of the most important testimonies from the early days of woodcarving, preserved in two prints, catalogued by Schreiber under the number 1355. – The paper with large watermark, only apparent in parts (twined cord with tassel around a stick, above further structure, at top overlaid by a triangle). Such motifs can be found quite frequently in papers of the 15th century. – Near the Christ child several breakouts with larger defects, also at lower margin, the entire leaf with some cracking marks and several small tears, mostly skilfully restored by contemporary hand, stronger browned and soiled.