35: NOTIZ- und SKIZZENBUCH eines in Großbritannien tätigen Komponisten.

Musikhandschrift auf Papier. Wohl England, um 1760/70. Qu.-4º (23,8 x 29,7 cm). 48 nn. Bl. Etw. läd. Ldr. d. Zt. (38)
Schätzpreis: 2.000,- €
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Ergebnis: 1.500,- €


Aus dem Umkreis des "Londoner Bach"? – Bei dem vorliegenden Musikmanuskript handelt es sich um ein Album, das ein Komponist oder ausführender Musiker in der Zeit um 1760 offenbar dazu benutzt hat, Musikstücke verschiedener Provenienz zu sammeln und auch eine Reihe eigener, teils recht umfangreicher Werke, Entwürfe und Ideen darin zu notieren. Alle Stücke sind für ein Tasteninstrument vorgesehen. Als Objekt des täglichen Gebrauchs erweist sich das Album durch die unregelmäßige Folge unterschiedlicher Stücke, die nicht systematisch eingetragen worden sind, und die zwar hinsichtlich der Musiknotation professionelle, doch oft sehr flüchtige Handschrift. Zudem ist der Band von zwei Seiten her beschrieben worden, die Blätter 1-43r von vorne, die Blätter 48-43v in umgekehrter Richtung. Auch lassen sich die Hände verschiedener Schreiber unterscheiden, was man dadurch erklären könnte, daß der Eigner das Album Berufskollegen oder beauftragten Schreibern vorgelegt hat, die dann selbst Eintragungen vorgenommen haben. Der Rückschluß auf den Eigner des Albums läßt sich nur durch Indizien belegen. Daß er sich in England aufgehalten hat, ist ziemlich sicher, denn das Album trägt das gestochene Exlibris eines Charles Hanbury, ein Musikstück ist mit den Besetzungsanweisungen "Trumpet" bzw. "without trumpet", ein anderes mit "end with the first parte" versehen, und bei mehreren Stücken erscheint die Notiz "NB Banks", die sich auf den Naturforscher Sir Joseph Banks (1742-1820) beziehen dürfte; Banks war ein Musikliebhaber und wohnte im Londoner Stadtteil Soho in unmittelbarer Nähe von Johann Christian Bach (1735-1792). Dazu paßt auch, daß in das Album zwei Stücke von Georg Friedrich Händel eingetragen wurden, und zwar Bearbeitungen des Schlußchors "Amen" aus dem "Messias" und des Chors "Wretched lovers" aus der Oper "Acis und Galatea" (HWV 49a, Nr. 10), weiterhin ein Präludium mit Fuge von Thomas Augustine Arne (1710-1778). Auch eine "Overture" erinnert an die Art Händels.

Zu Beginn des Albums finden sich vier Menuette und ein Marsch mit italienischen Überschriften, als Urheber ist hier "di Fiorini" angegeben. Die Stücke konnten von uns nicht erschlossen werden, doch dürfte damit der Mailänder Domorganist Giovanni Andrea Fioroni (auch Gian Andrea Fiorini; 1716-1778) gemeint sein; Fioroni war von seinen Zeitgenossen hoch geschätzt und hatte einige bedeutende Schüler. Mit Johann Christian Bach arbeitete er zwei Jahre lang zusammen, als Fioroni 1760-62 zweiter Organist am Mailänder Dom gewesen ist. Auf diese Stücke von Fioroni folgt ein Menuett des Mannheimer Komponisten Anton Fils (1733-1760) aus dessen Sonate C-Dur für Violoncello und Klavier. Bei dem dann folgenden Stück dürfte es sich erstmals um eine eigene Komposition des Albumeigners handeln, da es mehrere Korrekturen enthält. Zwar unbezeichnet, handelt es sich um ein Präludium mit Fuge in B-Dur – ein schon von seiner Ausdehnung beachtliches Werk mit über 200 Takten. Die Bässe sind teils beziffert. Darauf folgt das Fragment eines "Prelude" in e-Moll in langen Notenwerten, das mitten in der harmonischen Entwicklung abbricht und wohl noch vollendet werden sollte, da die folgende Seite freigelassen wurde. Dieses Präludium gehört zu einer ausgreifenden Fuge, die auf der Folgeseite beginnt, ebenfalls in der Tonart e-Moll; das Thema ist hier der Choral "Auf meinen lieben Gott". Interessanterweise schließt hier ein zweiter Abschnitt in D-Dur an, der, ungewöhnlich, ebenfalls in D schließt. Auch dies ein Werk von großer Länge: ohne Präludium umfaßt es über 250 Takte. Eventuell sollte dies aber erst der Anfang einer größeren Suite werden, wohl gedacht für Orchester, denn es folgen weitere Sätze in ähnlicher Ausdehnung und Motivik in C-Dur und B-Dur. In diesem Satz steht auch die erwähnte Besetzungsanweisung "Trumpet"; der Satz endet mit einer Fuge in B-Dur. Verbindend ist, daß alle Sätze mit mehreren Takten von Abfolgen gehaltener Akkorde schließen. Darauf folgen, teils in erkennbar anderer Handschrift eingetragen, Stücke, die sich wohl überwiegend als Bearbeitungen identifizieren lassen, darunter das erwähnte Präludium und Fuge in g-Moll von Arne (von uns nicht nachweisbar) und die Stücke von Händel; darauf wieder Fugenkompositionen, zum Teil unvollendet und mit freigelassenen Doppelseiten. Ein "Introductioni" überschriebenes Stück, dessen Thema schon vorher einmal im Album vorkam, erweist sich als Bearbeitung oder eher wohl freie Fantasie eines Stücks des böhmischen Komponisten Kajetan Vogel (um 1750-1794) aus einer Messe in G-Dur. Darauf wieder Fugen und eine "Sonata" in c-Moll (zwei Sätze: unbezeichnet und "Andante"). Die elf von der anderen Richtung her beschriebenen Seiten beginnen mit der erwähnten Ouvertüre in barocker Art mit langsamer Einleitung, gefolgt von einem raschen Fugato in G-Dur, einem weiteren Satz in G-Dur, einem Satz in F-Dur und einem "Preludio" in d-Moll.

Die Stücke dieses musikgeschichtlich höchst interessanten Albums sind zum Teil strengstimmig gesetzt, nicht nur in den Fugen, und von gehobenem Anspruch, andere haben eine eher einfache Faktur, vor allem die offensichtlichen Bearbeitungen für besaitetes Tasteninstrument (eher nicht für die Orgel, unter anderem wegen der dynamischen Angaben "piano" und "forte"). Sie sind Zeugnisse der englischen Musikentwicklung nach Händel am Übergang vom strengstimmigen Barock zum melodiebestimmten Tonsatz der Vorklassik. Die Auswahl der fremden Stücke zeigt die Rezeption beider Richtungen, die mutmaßlich selbständigen Werke des Albumeigners dagegen sind der Versuch, sich mit der strengstimmigen Tradition tiefer auseinanderzusetzen. Das Album enthält die Handschrift von mindestens drei Schreibern, unterscheidbar hauptsächlich durch die variierenden Formen des Violinschlüssels sowie der Viertelpause.

Das Papier mit dem Wasserzeichen eines Wappens mit doppeltem Schrägbalken (Straßburg), darüber eine Lilie, darunter die Buchstaben "LVG"; dieses Wasserzeichen hat die Bachforschung verzeichnet (Referenznummer: DE0960-Bach P393, in mehreren Varianten): Papier mit diesem Wasserzeichen wurde von Johann Christian Bach nachweislich im Jahre 1768 verwendet (für ein autographes Fragment eines Flötenkonzerts, W. C79, siehe RISM ID-Nr. 1001026049). – Das Exlibris dürfte von Charles Hanbury-Tracy, first Baron Sudeley (1778-1858) stammen, der bis zu seiner Heirat 1798 Charles Hanbury hieß.

Wenn einige Indizien auch darauf hindeuten, daß ein – vorsichtig ausgedrückt – Zusammenhang mit dem "Londoner Bach" bestehen könnte, so kann ein wirklicher Beweis dafür von uns jedoch nicht erbracht werden. – Für die Bestimmung einiger im Album enthaltener Stücke danken wir Herrn Dr. Stephan Blaut, Mitarbeiter an der Hallischen Händel-Ausgabe.

Ein Bl. mit Einriß; stellenw. fleckig und etw. gebräunt.

Notebook and sketchbook of a composer working in Great Britain. Music manuscript on paper. Probably England, around 1760/70. Oblong quarto (23,8 x 29,7 cm). 48 unnumbered leaves. Contemporary somewhat damaged calf. – Even if there are some indications that a connection – carefully phrased – exists with the "London Bach", there is no real evidence we can offer. – We would like to thank Dr. Stephan Blaut, collaborator at the Hallisch Händel edition for the identification of some pieces contained in the album. – One leaf with tear; here and there soiled and a little browned.