33: "GEDÄCHTNISS-BUCH FÜR ALINA KAUPISCH,

worinn die merkwürdigsten Ereigniße ihres Lebens von ihrem Vater aufgezeichnet sind". Deutsche Handschrift auf Papier. Dat. Halle und Weißenfels, 1820-33. Ca. 17 x 21 cm. Ca. 130 Bl. (davon ca. 30 weiße). Ldr. d. Zt. (leichte Altersspuren). (4)
Schätzpreis: 1.000,- €
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Regelmäßige Aufzeichnungen des Domänen – und Forsteinnehmers Johann Wilhelm Ferdinand Kaupisch (1784-1872) über die Kindheit seiner zweitgeborenen Tochter. – Laut der Angabe auf dem Titelblatt legte der Vater das Buch "im Monath Sept. 1820" an, als seine Tochter Alina, geboren am 31. Dezember 1815 zu Wippra im Harz, knapp fünf Jahre alt war. Am Beginn stehen ausführliche Angaben zu den Taufzeugen, zu den Großeltern und Geschwistern der Eltern, gefolgt von Mitteilungen über die eigene Laufbahn: Nach dem Besuch der Fürstenschule in Grimma und Studium in Leipzig hatte Kaupisch zunächst bei seinem Vater, einem Finanz-Prokurator und Advokaten in Colditz gearbeitet, ehe er als Sekretär des Friedensrichters Kaupisch in Wippra seine künftige Gemahlin, die Kaufmannstochter Friederike Wilhelmine, geborene Franke, kennenlernte. Als er genug verdiente, konnte er 1812 heiraten und "nach Verjagung der Franzosen" wurde er an die königlich-preußische Domänen-Direktion nach Halle berufen.

Von fünf bis 1820 geborenen Kindern überlebten nur Alina und ihr 1819 geborener Bruder Hermann das Kleinkindalter. Der Vater verzeichnet etwa die Impfung gegen Pocken, das Stechen der Ohrlöcher oder den Beginn des Unterrichts im Buchstabieren bei einem Onkel, der während seines Studiums zeitweise im Hause der Familie lebte. Penibel zählt der Schreiber in jedem Jahr die Weihnachtsgeschenke für die Tochter auf, ebenso trägt er die kindlichen Geschenke an die Eltern ein, Gedichte und Tischgebete, Theaterbesuche und Besuche bei den Großeltern. Besonderes Interesse gilt der Ausbildung der Tochter. Der Vater notiert den Beginn des Klavier – und Französischunterrichts und ebenso, daß Alina das Flachsspinnen erlernt und die Kleider für ihre Puppen selbst näht. Von Zeit zu Zeit darf das Mädchen selbst eine Probe seiner kindlichen Handschrift in das Buch eintragen. In die Freude über die überaus guten Notenzettel des kleinen Mädchens mischt sich in den späteren Jahren einiger Tadel über "überkluges vorlautes Wesen" oder die "Neigung den Bruder Herrmann zu Schulmeistern". In dem "Gedächtnis-Buch" finden sich aber ebenso Eintragungen zu Familienereignissen wie der Heirat einer Schwester des Vaters oder der Geburt weiterer Kinder sowie zu den eigenen Vermögensverhältnissen und zum Fortgang der eigenen Laufbahn. Als Verwalter des königlichen Rentamtes wurde Kaupisch 1825 nach Weißenfels versetzt und 1829 zum Amtsrat ernannt.

Das Buch wurde Alina am Tag ihrer Konfirmation übergeben, damit sie es selbst fortsetzen sollte. Zunächst erfüllt sie den Auftrag gehorsam mit Einträgen von ihren Briefen an die Großeltern, zu Weihnachtsgeschenken, Besuchen oder Hochzeitsfeiern von Freundinnen, zur Geburt einer kleinen Schwester oder zum Tod des Großvaters. Doch enden die sporadischen Notizen 1833, lange bevor Alina 1836 den Kirchenrechtler Emil Hermann (1812-1885) heiratete. – Spiegel und die ersten Blätter leimschattig, Titel unten mit Kleberest, stellenw. etw. fleckig. – Außergewöhnliche Quelle zu einer bürgerlichen Familie der Biedermeierzeit.