165: RIEMER, F. W.,

Philologe (1774-1845). E. Brief mit e. U. Dat. Karlsbad, 20. 8. 1808. 4º. – Doppelblatt. (72)
Schätzpreis: 1.000,- €
Ergebnis: 2.200,- €


Umfangreiches intimes Schreiben an Baronin Marianne von Eybenberg (1770-1812), Tochter des Bankiers Aron Moses Meyer. – Friedrich Wilhelm Riemer, später Privatsekretär von Goethe, war von 1803 bis 1808 als Privatlehrer von Goethes Sohn August angestellt. Auch begleitete er Goethe, der die Baronin von Eybenberg ebenfalls verehrte, im Sommer 1808 auf seiner Reise nach Karlsbad.

Der Gelehrte drückt zunächst seine Bewunderung für die zu dieser Zeit bereits verwitwete morganatische Gattin von Heinrich XIV. zu Greiz aus: "So lange ich mir noch mit dem Gedanken schmeicheln konnte, daß ich das Glück habe noch in Einem Lande, in Einer Gegend, in inniger Nähe mit Ihnen zu seyn, gnädige Frau, ergab ich mich stillschweigend in die Nothwendigkeit Ihres wohltuenden Anblicks Ihrer anmuthigen Unterhaltung zu entbehren. Ich konnte doch in Gedanken beym Anschaun des Gewohnten mir Ihre Worte wiederholen, und wenn ich den Goldfasan vorüberging mir die Illusion machen, bloß irgend eine Abhaltung vorfinden Sie meinen Besuch für dießmal anzunehmen … Ich fühle mich Ihnen auf so mannigfache Weise verpflichtet, daß ich mich betrüben würde, wenn ich Sie nicht von meiner Dankbarkeit, von meiner Verehrung und Ergebenheit überzeugen und dagegen die Hoffnung Ihres wolwollenden Andenkens mit mir nehmen könnte."

Dann berichtet Riemer über das Leben und die Betätigungen von Goethe in Karlsbad am Ende der Badesaison: "Die Frequenz von Carlsbad hat gleich nach Ihrer Abreise so plötzlich abgenom(m)en, daß es eines Morgens aussah, wie in einem Landstädtchen aus dem seine Garnison ausmarschiert ist. Die Nachkömmlinge erscheinen mir wie Leute, welche nur noch den Schauplatz einer großen Begebenheit in Augenschein nehmen wollen, wobey wir Zurückgebliebenen die Cicerone machen. Wir haben uns daher zur Kunst gewandt und Herr Kaaz, ein Landschaftsmahler aus Dresden, fördert uns im Technischen so, daß der Geheimrath bereits die größten Sachen unternimmt und auch hier wieder sein seltenes Genie entwickelt. Aus den Gärten der Poesie sind wir aber nach und nach in die Steinbrüche der Mineralogie gerathen, aus denen zwar kein Brillant zum Schmuck der Schönheit gewonnen, aber doch sonst Ausbeute für die Wissenschaft gefördert wird."

Nach seinem Abschiedsgruß an die Baronin fügt Riemer noch hinzu: "Die schönsten Empfehlungen vom Geheimrath. Er wird selbst schreiben." – Mit Faltspuren, gering fleckig.