1376: VÖLKISCHE BEWEGUNG – ORDO NOVI TEMPLI – (LANZ VON LIEBENFELS, J.),

Hebdomadarium N(ovi) T(empli). Neutempleisen-Wochentagsbrevier. Werfenstein und Marienkamp (Szent Balázs), o. J. (1942). 277 S., 1 Bl. (weiß). OHlwd. (minimal berieben). (56)
Schätzpreis: 1.200,- €


Dem liturgischen Schrifttum des völkisch-religiösen Neutemplerordens, den der ehemalige Zisterzienser Jörg Lanz von Liebenfels (1874-1954) gegründet hat, zuzurechnendes Werk, das in der vorliegenden Form möglicherweise derzeit [Oktober 2020] als Unikat einzustufen ist.

I. Zur Verfasserschaft: Ekkehard Hieronimus (1926-1998), der beste Kenner Lanzens von Liebenfels und bisher wichtigste Bibliograph von dessen eigenen Schriften und der über ihn, leitet das Kapitel "Ordens – und liturgische Schriften" der Bibliographie Lanz von Liebenfels (Toppenstedt 1991) mit der Bemerkung ein, daß es zwar "im Einzelnen nicht feststellbar" sei, wie weit das liturgische und Ordensschrifttum auf Lanz zurückgehe, reiht sie aber unter dessen Schriften ein mit der Begründung, weil "Lanz das unbestrittene geistige Oberhaupt des ONT [Orden des Neuen Tempels] war" und man damit folglich zu rechnen habe, daß Lanz "auf die Gestaltung" der Schriften einen so "erheblichen Einfluß gehabt" habe, "so daß die Aufnahme dieser Texte unter seine Schriften gerechtfertigt" sei (S. 85). – Vorsichtiger hat sich Armin Mohler in seinem Handbuch Die konservative Revolution in Deutschland 1918-1932 geäußert (2. Fassung, Darmstadt 1972), wo es über die liturgischen Texte des ONT heißt: "Wieweit diese Texte alle von L(anz) sind, wieweit Fratres des ONT daran beteiligt sind – auch dies bleibt unklar" (so unklar wie überhaupt die Existenz mancher Schriften, die Mohler nicht vorlagen, unter anderem das Hebdomadarium ["auch von einem ‘Hebdomadarium’ ist die Rede"]; beide Zitate S. 352).

II. Zum Erscheinungsjahr: Hieronimus führt in seiner Bibliographie das Hebdomadarium unter der Nummer 218a ohne Jahr auf, ebenso unter derselben Nummer das Cantuarium (das wie in unserem Exemplar die fortlaufende Paginierung 99-277 hat). Das einzige vollständige Exemplar des Hebdomadariums/Cantuariums, das wir über den weltweiten Katalog in öffentlichem Besitz nachweisen können, befindet sich in der Kantonsbibliothek Appenzell Außerrhoden in Trogen; für Ort, Verlag und Jahr ist im elektronisch verfügbaren Katalog zu lesen: "Werfenstein: Szt. Balázs, 1930". Aus dieser Angabe kann geschlossen werden, daß dem Schweizer Katalogisator das Hebdomadarium mit dem auf der Titelseite aufgedruckten Erscheinungsjahr 1930 vorlag. Da aber weder Hieronimus ein Exemplar mit diesem Erscheinungsjahr kannte noch die Hochschul – und Landesbibliothek Wiesbaden, die das Hebdomadarium fragmentarisch besitzt, für ihre Bruchstücke das exakte Erscheinungsjahr verzeichnet noch unser Exemplar auf der Titelseite ein Erscheinungsjahr bietet, ist eher anzunehmen, daß das Jahr 1930 im Trogener Katalog ein ermitteltes oder geschätztes Jahr ist, ohne daß darauf – wie heute mehr und mehr üblich – durch die Notation oder in einer bibliographischen Anmerkung hingewiesen wird. (Übrigens ist der nach der Katalognotation von Trogen eindeutig als Verleger angegebene "Szt. Balázs" eine irrtümliche Interpretation des ungarischen Namens Szent Balázs, eines der Wirkorte von Lanz und seinem Orden und demnach auf derselben Stufe wie Werfenstein stehend, also eine weitere Ortsangabe.) – Unser Exemplar weist auf dem Spiegel und dem fliegenden Blatt den faksimilierten Druck einer Handschrift auf, die mit "Fra Georg PONT [Prior des Ordens des Neuen Tempels] ad Marienkamp-Szt. Balázs, Com(tur) mil. Xti. [miles Christi]" unterzeichnet ist und das Datum vom 4. 2. 1942 trägt. Aus diesem Datum haben wir die Datierung des vorliegenden Druckes abgeleitet. – Der Text der Handschrift stammt von Jörg Lanz von Liebenfels selber, dem Fra Georg, und ist zugleich eine Bestätigung der Verfasserschaft des Hebdomadariums/Cantuariums, wie sie Hieronimus also zu Recht begründet hat.

III. Zur Ausgabe: Da wir weder das Trogener Exemplar noch die Wiesbadener Teile mit unserem Exemplar haben vergleichen können, auch kein sonstiges Exemplar derzeit zum Vergleich vorliegt, nehmen wir auf Grund von Indizien an, daß es sich bei allen jetzt bekannten Texten des Hebdomadariums/Cantuariums i n h a l t l i c h immer um dasselbe handelt, nämlich die ohne Jahr erschienenen Lieferungen 32-36c der Serie Festivarium oder Gedenk – und Festtagslesungen des Neutempleisenbreviers (Hieronimus 218), jedoch f o r m a l mit dem offenbar nur in unserem Exemplar enthaltenen Handschriftenfaksimile eine datierbare Titelausgabe der zuerst um 1930 herausgegebenen Lieferungen dieser Serie vorliegt. Drei Anhaltspunkte sprechen für diese Deutung: erstens die Kollationsgleichheit (S. 1-98 Hebdomadarium, S. 99-277 Cantuarium), zweitens das ungenannte Erscheinungsjahr (von Hieronimus deutlich angegeben "o. J.", ebenso in Wiesbaden "1930?", im Trogener Katalog vordergründig deutlich "1930", aber vom Katalogbearbeiter wohl präsupponiert als eine ermittelte Angabe), endlich drittens die von Heftklammern herrührenden Löcher an den Bundstegen, die aus den klammergehefteten Lieferungen der jetzt zu einem fadengehefteten Buch vereinigten Lieferungen stammen (unter Weglassung ihrer Umschläge von Hand hergestellt für den Gebrauch der Ordensleute).

Titel gestempelt und mit Besitzvermerk, S. 133/134 mit Einriß (mit Klebestreifen fixiert), papierbedingt gebräunt. – Beiliegt ein Fragment des Legendariums, und zwar die Seiten 739-1021 (Hieronimus 218a).