113: GRASS –

Zus. 5 hs. Briefe mit U. des Schriftstellers Günter Grass (1927-2015) und seiner Ehefrau Anna, geborene Schwarz (* 1932), an den Schweizer Diplomaten Hans Lacher und dessen Ehefrau. Dat. Paris, 19. 12. 1956, und Berlin, 27. 6. 1960 bis 10. 9. (19)74. Fol. Zus. ca. 10 Seiten. – Drei von Günter Grass persönlich adressierte Kuverts beiliegend. (8)
Schätzpreis: 1.200,- €
Ergebnis: 2.200,- €


Aufschlußreiche, sehr persönlich gefärbte Korrespondenz aus fast zwei Jahrzehnten, darunter drei Briefe von Günter Grass selbst. Der Schriftsteller und seine erste Ehefrau Anna, die 1954 geheiratet hatten, waren seit den fünfziger Jahren mit dem Botschafter Hans Lacher und dessen Ehefrau befreundet; diese Freudschaft begann in einer Zeit, als Grass noch völlig unbekannt war und seine ersten Werke als bildender Künstler wie als Schriftsteller publik zu machen begann.

Der erste der hier vorliegenden Briefe vom 19. Dezember 1956 ist ein Bericht aus Annas Feder über die gemeinsame erste Wohnung in Paris in der Avenue d’Italie. Hier schreibt Anna auch kurz über die Arbeit von Günter: "Mein Mann ist sehr fleissig. Sein erstes Theaterstück wird am 20. Januar an einer Frankfurter Studentenbühne uraufgeführt. Da wird er natürlich hinfahren und hofft, von der ersten Aufführung einiges zu lernen." Es handelte sich hierbei um den Zweiakter "Hochwasser", dem allerdings das Stück "Die bösen Köche" vorausgegangen war.

Von Grass selbst stammt ein Brief unter dem Datum vom 27. Juni 1960 (aus Berlin-Grunewald nach Berlin-Tiergarten), Teil einer launigen Konversation über die Widmung seines Gedichtes "Klappstühle" an Lacher, für die dieser zuvor in einem Telegramm (ebenfalls beiliegend) um die Abkürzung seines Namens auf die Initialen H. L. gebeten hatte, was Grass "mit einem lachenden und einem skeptischen Auge" gelesen habe und das Ansinnen ironisch zurückwies. Der Scherz mit den Klappstühlen zog sich indessen jahrelang durch den Austausch, selbst der letzte dieser Briefe von der Hand Annas aus dem Jahr 1974 spielt noch darauf an.

Im Juli 1961 schrieb Grass dann einen Brief an Lacher nach Manila, wo dieser inzwischen als Botschafter der Schweiz auf den Philippinen lebte. Das Schreiben ist biographisch recht inhaltsreich; Grass berichtet über die Geburt der Tochter Laura Maria und gemeinsame Unternehmungen mit berühmten Kollegen: "In Zürich war ich …, bewegte mich dort im vollbesetzten Schauspielhaus mit den Dichtern Krolow, Enzensberger und unserer Sappho Ingeborg Bachmann auf den Brettern, die die Welt bedeuten, las hochdeutsch und westpreussisch aus eigenen Werken und durfte den Beifall eines kundigen Publikums schlürfen. Dürrenmatt hat uns prächtig vorgestellt; das heisst, er stellte den Dichtern das Publikum vor und fand so Gelegenheit, das eigene Nest – wie man in Deutschland sagen würde – zu beschmutzen." Außerdem kündigt er die Vollendung der Novelle "Katz und Maus" an: "… zum Herbst soll sie die literarische Welt beglücken".

Im dritten der Briefe von Grassens eigener Hand berichtet er von der Entstehung seines neuen Romans "Hundejahre" und resümiert nach einer kurzen Inhaltsskizze: "Ich hoffe: ein buntes Buch, eines zum Lachen und zum Weinen. Vogelscheuchen treten in ihm gleichfalls auf, desgleichen eine Ballerina und ein Tischlermeister, kurzum: Zeitgenossen. Schade nur, daß es sich auf die Dauer nicht leichter schreibt, freier weg, wie zu Blechtrommelzeiten; denn den Altersstil möchte ich gerne noch in der Schreibmaschine schlummern lassen." Auch die geplante Verfilmung von "Katz und Maus" erwähnt Grass. Darauf aber wünsche er sich "das Leben eines Lyrikers zurück", der dann "von tönensten Kritikern nicht mehr als wichtiger Repräsentant der ‘deutschen Nachkriegsdichtung’ durchs Feuilleton geschleppt wird, der vielmehr mit seinen Söhnen in den Zoo geht, Kochrezepte ausprobiert, und mit Frau, Söhnen und Tochter von jenen Geldern lebt, die ein Romancier gleichen Namens pausenlos für ihn verdient." Die seinerzeit offenbar überschaubaren Einkünfte besserte seine Frau Anna damals durch Ballettunterricht etwas auf.

Anna schrieb am 10. September 1974 noch an das Ehepaaar Lacher und entschuldigte sich, eine Einladung absagen zu müssen. Inzwischen lebte das Paar bereits getrennt, die Scheidung erfolgte 1978.

Beiliegen die Durchschläge von zwei umfangreichen Briefen Lachers an Grass, der Gegenpart der Korrespondenz. – Geringe Gebrauchsspuren.