1: PSALTER –

Lateinische Handschrift auf Pergament. Nordostfrankreich, Ende 13. Jhdt. Buchblock: ca. 16,2 x 11,5 cm. Mit 9 größeren und 190 kleineren Initialen in Deckfarben mit Goldgrund, Bas-de-page in Deckfarben, zahlr. kleinen Initialen mit Federverzierungen sowie vielen Randleisten und Zeilenfüllungen in Federzeichnung. 242 Bl. Kalenderteil: 32 Zln.; Schriftspiegel: ca. 13 x 9 cm. Psalterteil: 15 Zln.; Schriftspiegel: ca. 10,5 x 7,5 cm. Mod. Pgt. über Holzdeckeln (etw. fleckig). (185)
Schätzpreis: 50.000,- €
Ergebnis: 46.000,- €


Vollständiger Psalter aus hochgotischer Zeit, reich illuminiert mit Deckfarbeninitialen vor Goldgrund und durchgehend mit kleinen federverzierten Lombarden sowie Zeilenfüllungen und einigen Randleisten in roter und blauer Federzeichnung ausgestattet.

Vom frühen Mittelalter bis in die Neuzeit gehörten die Psalmen im liturgischen wie im privaten Bereich zu den wichtigsten Gebetstexten. Zu den monastischen Gebetszeiten wurden im Laufe einer Woche nach einem bestimmten System jeweils sämtliche 150 Psalmen gebetet oder gesungen, also psalmodiert. Ebenso eigneten sich die kurzen Texte, die in bilderreicher Sprache tiefe menschliche Emotionen ansprechen, besonders auch für die private Andacht. So wurden Psalmenhandschriften auch als Gebetbücher für hochstehende Laien geschaffen, oft für adelige Frauen. Im späten Mittelalter entwickelte sich in Verbindung der liturgischen und privaten Funktion dann der Typus des Stundenbuches.

Enthalten sind in unserer Handschrift sämtliche Texte, die seit dem frühen Mittelalter zu einem kirchlichen Psalter gehörten: Die ersten sechs Blätter nimmt der Kalender ein, in den die Festtage und die wichtigen Tagesheiligen eingetragen sind. Den Hauptteil bilden die 150 Psalmen in der als Psalterium Gallicanum bekannten Version, die im Westen besonders verbreitet war (209 Blätter). Es folgt ein Anhang mit liturgischen Texten, nämlich den zehn Cantica, das sind Hymnen mit Texten aus dem Alten und Neuen Testament, dem Ambrosianischen Lobgesang "Te deum laudamus", dem Athanasianischen Glaubensbekenntnis, einer Litanei mit Anrufung der Heiligen und vier Orationen, also Gebeten für bestimmte Gelegenheiten (zusammen 25 Blätter).

Gefertigt wurde der Psalter aus dünnem Pergament, das nur wenige natürliche Fehlstellen aufweist: Einige kleine Randeinrisse sind von alter Hand genäht; ein Blatt, das oben im Außensteg etwas schmaler als die übrigen Blätter war, wurde wohl erst zur Zeit der modernen Bindung mit Pergament angerändert. Von einer Benutzung des Manuskriptes im späten Mittelater oder in der frühen Neuzeit zeugen bei den Psalmen 20, 22, 24, 25 und 28 Nachträge von Textzeilen mit Notation auf vier Linien. Außerdem wurde der Psalmenteil im 15. oder 16. Jahrhundert rechts oben mit einer römischen Foliierung versehen, die jedoch nur bis Blatt 132 reicht.

Der Schriftspiegel ist jeweils mit einer feinen Liniierung in Tinte vorgegeben. Der Kalenderteil mit jeweils 32 Zeilen weist einen etwas größeren Schriftspiegel (13 x 9 cm) auf als die übrigen Blätter mit jeweils 15 Zeilen (10,5 x 7,5 cm). Die kleinere Schrift im Kalenderteil und die etwas monumentalere Buchschrift im Hauptteil zeigen gleichermaßen Kennzeichen gotischer Stilisierung: Alle Buchstaben sind auf der Zeile umgebrochen, steil aufgerichtet und nah aneinandergerückt, oft auch ligiert. Häufig findet sich in Bogenverbindungen das runde "r". Das "i" ist oft durch einen feinen Strich gekennzeichnet. Die Buchstaben sind nicht immer streng an der Grundlinie ausgerichtet, doch tragen vor allem die kleinen Quadrangeln an den Schaftansätzen zum gitterförmigen Eindruck der Schrift bei.

Der prächtigste Schmuck findet sich am Beginn der Psalmen. Die große Initiale, deren Goldgrund den Beginn des ersten Psalmes "Beatus vir" mit einschließt, nimmt über die Hälfte der Höhe des Schriftspiegels ein. Hinzu kommt als Bas-de-page, also am Fuß der Seite, ein Pfau. In der christlichen Tradition ist er ein Symbol der Auferstehung, da man glaubte, daß sein Fleisch unverweslich sei. In Verbindung mit dem ersten Psalm, der diejenigen selig preist, die nicht vom Pfade des Herrn abweichen ("Beatus vir qui non abiit in consilio impiorum"), kann der stolzierende Pfau mit dem zum Rad aufgestellten Federschmuck auch als Sinnbild sündhaften Hochmutes gesehen werden. An der Spitze seines Schnabels entspringt ein mit Gold gehöhter Ornamentstab, der sich im Außensteg fortsetzt, so daß die ganze Seite eine Rahmung und damit eine zusätzliche Auszeichnung erhält.

Die Verteilung der einzelnen Psalmen auf bestimmte Gebetsstunden spiegelt sich in den Handschriften oft in der Gliederung durch Initialen. In unserem Fall bildet die Initiale zum ersten Psalm mit den insgesamt neun größeren Initialen mit Goldgrund die höchste Ebene der hierarchisch strukturierten Ausstattung: Mit den sieben durch große Initialen eingeleiteten Psalmen 1, 26, 38, 52, 68, 80 und 97 begann an den einzelnen Tagen der Woche jeweils das morgendliche Stundengebet, die Matutin. Zusammen mit der Auszeichnung von Psalm 109, dem Beginn der Vesperpsalmen, markieren sie die sogenannte liturgische Achtteilung. Hinzu kommt eine größere Initiale zu Psalm 51, eine zusätzliche Hervorhebung, die auf das System der Dreiteilung der 150 Psalmen weist. – Jeder einzelne der übrigen 141 Psalmen ist in unserer Handschrift mit einer kleineren, aber ebenfalls mit Goldgrund versehenen Initiale eingeleitet; der Buchstabenkörper nimmt dabei meist die Höhe von zwei Zeilen ein, die Erscheinung wird aber oft durch lang ausgezogene Hasten oder Blattausläufe optisch noch vergößert. – Außerdem sind im Psalm 118, der als Wechselgesang gebetet wurde, sämtliche 21 Abschnitte mit solchen kleineren Initialen gekennzeichnet. Weitere Initialen dieser Rangordnung schmücken den Beginn der einzelnen Cantica und Orationen. In gleicher Weise sind auch die Initialen zu den Monaten im Kalenderteil gestaltet.

Die größeren wie auch die kleineren Goldgrundinitialen weisen einen Dekor aus zumeist spiralig gewundenen Ranken mit kleinen Blättchen auf, vielfach belebt mit Drachen und Vögeln oder auch nur Köpfen, die direkt aus den Ranken entspringen und sich wiederum darin verbeißen. Bei der S-Initiale zu Psalm 68 "Salvum me fac" wird der Buchstabenkörper selbst aus einem Drachenleib gebildet. Charakteristisch für die Initialen ist ein Farbklang aus kräftigem Blau, hellem Rot und pastellgrau abgetöntem Rosa. Dazu kommt die feine Höhung in Weiß, auf den Buchstabenkörpern meist mit Punktreihen oder Blattdekor. Die Formensprache und das Repertoire der Drolerien sind der späten Romanik verpflichtet. Doch weisen die lang ausgezogenen Buchstabenschäfte und Rankenausläufer, die oft mit kleinen Spitzen versehene Kontur der Goldgründe und die im Goldgrund mehrfach auftretenden kleinteiligen Flächenmuster auf die spätgotische Ästhetik voraus.

Zur überaus dekorativen Erscheinung unserer Handschrift tragen auch die in Rot und Blau gezeichneten Federverzierungen bei, insbesondere die ornamentalen oder aus Mischwesen, Vögeln und Fischen gebildeten Zeilenfüllungen. Bereichert ist der Dekor außerdem durch zahlreiche Randleisten mit verschiedenen Ornamentmotiven, ebenfalls in Federzeichnung, und durch oft von der letzten Zeile aus diagonal über den Fußsteg geführte lanzettförmige Zierstücke.

Die Merkmale der Schrift sowie der Stil der Initialen und Federverzierungen sprechen für eine Entstehung der Handschrift in Frankreich wohl am Ende des 13. Jahrhunderts. Die einheitliche Ausführung von Text und Dekor auf hohem Qualitätsniveau zeugt von einer Herstellung durch professionelle Schreiber, Illuminatoren und Rubrikatoren in einer arbeitsteilig organisierten Werkstatt. Solche Ateliers hatten sich in Frankreich, ausgehend von der Pariser Universität, seit der Mitte des 13. Jahrhunderts etabliert.

Anhaltspunkte für eine engere regionale Einordnung bieten die im Kalender eingetragenen Heiligenfeste. Zunächst fällt zum 31. Oktober ein Eintrag in etwas hellerer Tinte auf: "Sancti Qui(n)tini martiri". Der Missionar Quintinus soll im 3. Jahrhundert in Saint-Quentin in der Picardie das Martyrium erlitten haben. Der Todestag des Heiligen, seit dem frühen Mittelalter besonders in der Region an der Somme im heutigen Nordostfrankreich verehrt, wurde wohl bald nach Fertigstellung der Handschrift, vermutlich an ihrem Bestimmungsort, vermerkt. Weitere Gedenktage für Quintinus sind im März und im Juni eingetragen. Ebenfalls auf Nordostfrankreich verweisen Einträge für den heiligen Honoratus, Bischof von Amiens, an seinem Todestag am 16. Mai, und den heiligen Vedastus, Bischof von Arras und Cambrai, ("Relatio Sancti Vedasti" am 7. Juli). In der Litanei finden sich Anrufungen der heiligen Jungfrauen Hunegundis, Aldegundis, Richtrudis und Gertrudis, frühmittelalterlicher Gründerinnen von Klöstern in Homblières, Maubeuge, Marchienne und Nivelles. – Die Bemerkungen zur Lokalisierung auf Grund der Heiligen in Kalender und Litanei beruhen auf Notizen des 1991 verstorbenen Paläographen Bernhard Bischoff, die der Handschrift beiliegen.

Beide Spiegel unter Verwendung von Makulaturblättern aus Pergament aus einer zweispaltigen Rechtshandschrift, wohl des Kommentars von Bernardus Compostellanus dem Jüngeren (Mitte 13. Jhdt.) zu den Dekretalen von Gregor IX., in einer gotischen Minuskel nur wenig früher als unser Psalter geschrieben. – Vorderes Innengelenk etw. angeplatzt, Block gebrochen, knapp beschnitten (Initialen im Kalenderteil und Randverzierungen stellenw. gering angeschnitten), Goldgrund der Initialen tls. mit Abplatzungen, vereinzelt berieben und etw. fleckig. – Aus einer bayerischen Privatsammlung.